From c52a0bd810ba5d0b49a169a08d1e8d0aceb9cd57 Mon Sep 17 00:00:00 2001 From: Lars Date: Tue, 18 Aug 2026 12:16:03 +0200 Subject: [PATCH] Dateien nach "docs/architecture/functional" hochladen --- .../functional/fachliche_zielarchitektur.md | 100 ++++++++++++++++++ .../produktvision_und_produktidentitaet.md | 13 +++ 2 files changed, 113 insertions(+) diff --git a/docs/architecture/functional/fachliche_zielarchitektur.md b/docs/architecture/functional/fachliche_zielarchitektur.md index 0305a72..0198a0b 100644 --- a/docs/architecture/functional/fachliche_zielarchitektur.md +++ b/docs/architecture/functional/fachliche_zielarchitektur.md @@ -173,8 +173,108 @@ Vor einer strukturellen Vereinfachung wird geprüft: Erst wenn diese Prüfung keine relevanten Funktionsverluste zeigt, soll eine interne Vereinfachung vorgenommen werden. + +## 2.8.1 Herleitung architekturrelevanter Entscheidungen + +Architekturrelevante Entscheidungen mit langfristiger Tragweite oder späterem Vereinfachungsrisiko sollen nicht nur als Lösung dokumentiert werden. + +Wo die Begründung für die spätere Nachvollziehbarkeit wesentlich ist, wird zusätzlich folgende Struktur festgehalten: + +1. **Root Cause** – welches zugrunde liegende Problem oder welche Systembedingung erzeugt den Bedarf? +2. **Risiko** – welche fachlichen oder qualitativen Folgen entstehen ohne Gegenmaßnahme? +3. **Fachliche Konsequenz** – welche Eigenschaft muss das Produkt deshalb besitzen? +4. **Abgeleitete Anforderung / Entscheidung** – welcher Mechanismus oder welche Architekturleitplanke folgt daraus? + +Dieses Prinzip soll verhindern, dass später nur noch ein Architekturmechanismus sichtbar ist, während sein ursprünglicher Zweck verloren geht und die Entscheidung deshalb fälschlich als entbehrliche Komplexität behandelt wird. + ## 2.9 Context Fidelity und Re-Grounding + +### Root-Cause-Herleitung + +Die Anforderung an Context Fidelity und Re-Grounding entsteht nicht aus dem Wunsch nach zusätzlicher technischer Komplexität, sondern aus einer strukturellen Eigenschaft langfristiger KI-gestützter Dialogsysteme. + +#### Root Cause + +Kanshō soll Reflexionen, Dialoge, Threads und persönliche Entwicklung über Monate und Jahre hinweg fortführen können. + +Dafür kann nicht bei jeder Interaktion der vollständige historische Originalkontext in das aktive Kontextfenster geladen werden. Langfristige Inhalte müssen daher selektiert, zusammengefasst, verdichtet oder in abgeleitete Memory- beziehungsweise Zustandsstrukturen überführt werden. + +Jede Verdichtung ist jedoch zwangsläufig selektiv. Sie kann: + +- Details weglassen, +- Gewichtungen verändern, +- Mehrdeutigkeiten reduzieren, +- zeitliche Zusammenhänge vereinfachen, +- Interpretationen stärker wirken lassen als die ursprünglichen Aussagen, +- frühere Hypothesen ungewollt stabilisieren. + +Problematisch wird dies insbesondere dann, wenn spätere Verdichtungen nicht mehr auf Originalquellen, sondern auf bereits verdichteten Zuständen aufbauen. + +Es entsteht dann potenziell eine Kette wie: + +`Originaldialog → Summary → Thread Memory → Reflection-Space-State → aktualisierte Zusammenfassung → neue Interpretation` + +Mit jeder weiteren Stufe kann sich der verwendete Kontext schrittweise vom ursprünglichen Bedeutungsgehalt entfernen. + +#### Risiko + +Ohne Gegenmechanismus besteht langfristig das Risiko, dass Kanshō nicht mehr primär auf die tatsächlichen Erlebnisse, Aussagen und dokumentierten Erfahrungen des Nutzers reagiert, sondern zunehmend auf seine eigenen früheren Verdichtungen und Interpretationen davon. + +Dies kann insbesondere zu folgenden Problemen führen: + +- Verlust relevanter Nuancen, +- Verstärkung früherer Fehlinterpretationen, +- Umdeutung von Hypothesen zu scheinbaren Tatsachen, +- falsche Musterbildung, +- unzutreffende Verknüpfungen zwischen Lebensbereichen, +- fehlerhafte Fortschreibung des Self Models, +- verzerrte Einordnung persönlicher Werte oder Entwicklungen, +- scheinbar konsistente, aber biografisch falsche Langzeitnarrative. + +Besonders kritisch ist dieses Risiko bei Aussagen mit hoher persönlicher Bedeutung, etwa zu: + +- Werten, +- Leitbild, +- Selbstbild, +- biografischen Wendepunkten, +- langfristigen Mustern, +- tiefen persönlichen Konflikten, +- Vergangenheitsbewältigung. + +#### Fachliche Konsequenz + +Provenance allein reicht nicht aus. + +Es genügt nicht, nur zu wissen, **woher** eine verdichtete Aussage ursprünglich stammt. Kanshō muss zusätzlich beurteilen können, **wann die aktuell verwendete Verdichtung nicht mehr ausreichend zuverlässig ist und der Ursprungskontext erneut nachvollzogen werden sollte**. + +Der langfristige Kontext darf daher nicht unbegrenzt rekursiv aus bereits abgeleiteten Zuständen fortgeschrieben werden. + +#### Abgeleitete Anforderung + +Kanshō benötigt einen fachlichen Mechanismus zur Bewertung der Kontexttreue beziehungsweise des Drift-Risikos. + +Dieser Mechanismus muss bei Bedarf ein **Re-Grounding** auslösen können. + +Re-Grounding bedeutet: + +- relevante Ursprungsquellen erneut abrufen, +- den aktuell verwendeten verdichteten Kontext dagegen prüfen, +- Abweichungen, Widersprüche und Bedeutungsverschiebungen erkennen, +- den aktuellen Zustand gegebenenfalls neu ableiten, +- frühere Zustände und Änderungen nachvollziehbar erhalten. + +Der Vorgang muss sowohl: + +- automatisch beziehungsweise systemseitig, +- als auch ausdrücklich durch den Nutzer + +ausgelöst werden können. + +Die konkrete technische Realisierung – beispielsweise als numerischer Drift Index, mehrdimensionale Fidelity-Metrik oder zustandsbasierte Bewertung – wird erst in der technischen Architektur festgelegt. + +Die fachliche Anforderung an Re-Grounding gilt unabhängig von dieser späteren technischen Ausgestaltung. + Verdichtete Zustände, Thread Memories und Reflection-Space-Sichten dürfen nicht unbegrenzt rekursiv aufeinander aufbauen, ohne den ursprünglichen Kontext erneut zu prüfen. Die fachliche Zielarchitektur fordert deshalb einen **Context-Fidelity-/Drift-Mechanismus**. diff --git a/docs/architecture/functional/produktvision_und_produktidentitaet.md b/docs/architecture/functional/produktvision_und_produktidentitaet.md index f6d814f..1733a79 100644 --- a/docs/architecture/functional/produktvision_und_produktidentitaet.md +++ b/docs/architecture/functional/produktvision_und_produktidentitaet.md @@ -545,6 +545,19 @@ Damit wird der Reflection Space zu einer **lebendigen, kontextuellen Sicht auf p ## 8.8 Context Drift und Re-Grounding + +### Warum diese Funktion notwendig ist + +Diese Anforderung entsteht aus der langfristigen Arbeitsweise von Kanshō: + +Langfristige Dialoge und Erinnerungen müssen im Laufe der Zeit verdichtet werden. Werden spätere Verdichtungen wiederum auf bereits verdichteten Zuständen aufgebaut, können sich Informationsverlust, Fehlinterpretationen und Bedeutungsverschiebungen schrittweise verstärken. + +Das zentrale Risiko besteht darin, dass Kanshō langfristig zunehmend auf seine eigene frühere Interpretation der Biografie reagiert und nicht mehr ausreichend auf die ursprünglichen Aussagen, Erlebnisse und Quellen des Nutzers. + +Daraus folgt die fachliche Notwendigkeit eines Re-Grounding-Mechanismus. + +Die vollständige Herleitung **Root Cause → Risiko → fachliche Konsequenz → abgeleitete Anforderung** ist in `fachliche_zielarchitektur.md` im Kapitel **Context Fidelity und Re-Grounding** dokumentiert. + Die verdichtete aktuelle Sicht eines Reflection Space dient dazu, langfristige Dialoge handhabbar zu machen. Diese Verdichtung darf jedoch nicht dazu führen, dass Kanshō über längere Zeit nur noch auf früheren Zusammenfassungen, abgeleiteten Erinnerungen oder bereits interpretierten Zuständen aufbaut. Daher benötigt Kanshō fachlich einen Mechanismus zur Bewertung, **wie weit der aktuell verwendete Kontext noch zuverlässig auf den ursprünglichen Quellen basiert**.